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Lebendige Geschichte

Vor 80 Jahren: der Freistaat Flaschenhals

Mi, 11. August 2004 21:15 Uhr
Am Rheinufer exisitierte für einige Jahre der Freistaat Flaschenhals
Am Rheinufer exisitierte für einige Jahre der Freistaat Flaschenhals

 

Es war so ähnlich wie bei Asterix: Nach dem Ersten Weltkrieg war der ganze Westen Deutschlands besetzt. Der ganze Westen? Nicht ganz: Ein kleines Gebiet am rechten Rheinufer, zwischen Kaub und Lorch, war frei. So frei, dass ihre Bewohner eine eigene Republik ausriefen: den "Freistaat Flaschenhals".

Freistaat mit Präsident und eigener Währung

Die Gebietsaufteilung am Rheinufer
Die Gebietsaufteilung am Rheinufer

 

Sie wählten ihren eigenen Präsidenten, den Bürgermeister von Lorch, sie druckten ihr eigenes Geld und versuchten, durch listige Schmuggel-Aktionen die Anordnungen der Besatzungs-Mächte zu untergraben. Sehr oft mit Erfolg.

Wie konnte es dazu kommen? Nach dem Ersten Weltkrieg hatten Frankreich und Amerika die Gebiete rund um Mainz und Koblenz untereinander aufgeteilt. Dabei unterlief ihnen ein gravierender Fehler. Auf der Landkarte blieb ein schmaler, unkontrollierter Streifen übrig, der die Kontur eines Flaschenhalses hatte. Die Bewohner riefen kurzerhand den "Freistaat Flaschenhals" aus. Die Besatzungsmächte versuchten die Bewohner durch Schikanen zur Aufgabe zu bewegen. So durften im "Freistaat Flaschenhals" keine Züge halten.

Zeitzeuge Karl Jung erinnert sich: "Mein Vater hat uns abgeholt, meine Mutter, meine Schwester, in Bregenz, wo wir während des Ersten Weltkrieges waren, und dann musste man mit der Bahn bis Limburg fahren, weil in Lorch keine Züge hielten. Lorch war unbesetztes Gebiet, der Freistaat Flaschenhals, und die Züge fuhren durch." 

Quelle ungeahnten Reichtums

Von dem Halteverbot für Züge ließen sie sich nicht einschüchtern. Für ihre Unabhängigkeit nahmen sie gerne die beschwerliche Reise mit dem Fuhrwagen in Kauf. Die Freistaatler schmuggelten Waren ins unbesetzte Hinterland. Denn die Besatzer kontrollierten zwar die Züge, doch auf die Schiffe hatten sie keinen direkten Zugriff. Die fuhren nach wie vor voll bepackt mit Waren den guten alten Vater Rhein rauf und runter und legten in Lorch an, vor den Augen der Besatzer. Diese versuchten zwar, mit Hilfe von Scheinwerfern das nächtliche Treiben zu durchblicken - vergeblich.

Karl Jung: "Ja also, die kamen bei Nacht, die Schiffe, ich habe das selbst nicht mitgekriegt, ich weiß aber von meinen Schulkameraden, deren Väter Fuhrleute waren, und die haben dann erzählt, dass die reichlich zu tun hatten, die Waren ins unbesetzte Gebiet zu schaffen."

Doch diese Quelle ungeahnten Reichtums sollte nicht ewig fließen. Alle ahnten, dass die paradiesischen Zustände nicht von Dauer sein würden. Und tatsächlich: Nach vier Jahren reichte es den Besatzern. Am 25. Februar 1923 marschierten die Franzosen kurzerhand ein. Das war das Ende für den Freistaat zwischen Kleinbonum und Babaorum am Rhein. Ein paar Kilometer rheinabwärts liegt Kaub, die zweite Stadt des nunmehr besetzten Freistaates. Doch 1924 zogen die Besatzer ab und die Bewohner waren einfach wieder Deutsche. Der Freistaat versank in einen Dornröschenschlaf.
Vor ein paar Jahren dann erinnerten sich einige Bewohner an diese besondere Rolle, die sie in der Geschichte gespielt hatten - und gründeten eine Initiative. 

Geschichte lebendig machen

Silberne Münzen aus dem "Freistaat Flaschenhals"
Silberne Münzen aus dem "Freistaat Flaschenhals"

 

Einer von ihnen ist der Wirt und Winzer Peter Josef Bahles: "Ja, die Idee, die hinter der Initiative 'Freistaat Flaschenhals' steckt, ist eigentlich folgende: wir möchten die Geschichte wieder lebendig werden lassen. Gerade bei der jüngeren Bevölkerung ist da kaum noch was in Erinnerung, und wir möchten unsere heimischen Produkte innerhalb dieser Initiative etwas besser vermarkten."

Der historische "Freistaat Flaschenhals" hatte natürlich auch eine eigene Währung. Die selbstbewussten Freistaatler von heute knüpften an diese Tradition an und druckten kurzer Hand wieder ihr eigenes Geld. Waren es im historischen "Flaschenhals" nur Geldscheine, sind es heute wertvolle silberne Münzen. In den Freistaat- Betrieben können die Kunden damit ihre Zeche bezahlen – aber nur vier Jahre lang. Denn nur solange war auch die Original-Währung nach dem Ersten Weltkrieg gültig. Nach einer Pause kommt dann wieder neues Freistaat-Geld in den Umlauf. 

Botschaft in Berlin geplant

Eine Botschaft haben sie auch schon eröffnet: passend zu ihrem Hauptexportartikel, dem Wein, in einem Lokal in Mainz. Doch dabei soll es nicht bleiben. Neuestes Projekt der Freistaatler: Die Eröffnung einer Botschaft in der Hauptstadt Berlin. Zur Einweihung wollen sie Botschafterkollegen von Australien bis Zypern einladen. Immerhin ist ihre Heimat jetzt von der internationalen Staatengemeinschaft als besonders schützenswert eingestuft worden: die UNESCO hat das Mittlere Rheintal zum Weltkulturerbe erklärt. Ein Grund mehr, mit ihnen anzustoßen auf ein langes Leben ihres "Freistaats Flaschenhals"!